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5 1/2 Texte ums Vergessen (1991-1992)

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5 1/2 Texte ums Vergessen

"Vater", fragte mein Sohn, "wie kommt man ums Vergessen rum?"

"Gar nicht", sagte ich, "ich wusste es mal, aber dann fing die ganze Katastrophe an."

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Verbissen

Es ist ganz einfach: Ich öffne meinen Mund, bringe etwas in eine dazwischenliegende Position und schließe den Mund mit einer wohldosierten Menge an Muskelkraft wieder. Das ist ein Biss.

So oder ähnlich hatte ich es mit bisher vorgestellt zu beißen oder gebissen zu werden, da ja auch beißen keine aussergewöhnliche Tätigkeit ist, sondern vielleicht sogar angeboren. Kein Grund zur Aufregung also, bis dein Biss meinen Weg kreuzte. An nichts kann ich mich erinnern, nicht die Stunde, noch den Tag, nicht die Farbe deiner Augen, noch die deiner Schuhe, nicht die Geräusche um mich, noch die Geräusche um dich, nein, nicht einmal an den Biss kann ich mich erinnern, vielmehr an den Schmerz nur, der seitdem immer stärker wird. Ein Biss gegen das Vergessen. Nur, was darf ich nicht vergessen? Wer bist du, dass du in mir spukst? Meine Erinnerung hast du ausgelöscht, nur ein Biss, nicht einmal die Erinnerung an einen Biss, nur der Biss als Biss lebt in mir weiter. Wo bist du, dass du mich so im Stich lässt?

Ich kann es nicht verdrängen, meine Haut ist zerfetzt, meine Gedanken sind blutig gebissen, und in meinem Kopf lebt nur ein Biss. Welches Gift mag es sein, dass die Augen vernebelt und das Ohr und die Nase, dass die Haut bald wie einen Panzer, bald wie ein Blütenblatt schwellen und aufweichen lässt. Bin ich noch in der Welt oder hat dein Biss mich getötet? Wer bist du, dass ich dich nicht sehe? Meine Tränen finden keinen Weg meine Haut zu benetzen, sie mischen sich mit dem Blut meiner Gedanken und erwürgen sich im Nebel der Wunde. Ja ich bin wund. Wo ist mein Lachen, mein Weinen, mein Reden, mein Träumen? Wo bist du, dass du mich so im Stich lässt?

Und es ist nicht mehr Tag und nicht mehr Nacht, und deine Augen haben keine Farbe und deine Schuhe nicht. Deine Haare sind beißende Tentakel, deine Hände würgende Zähne und dein Bild schlürft begierig das Blut meiner Gedanken. Wer bist du, dass ich mich nach dir sehne? Woher hast du die Kraft mich so zu beissen, nicht wie ein Baby, nicht wie ein Raubtier, nicht wie ein scharfer Geruch, nicht wie der Hass, nicht wie die Liebe, nicht wie die Kälte und wie die Hitze auch nicht. Von allem etwas hast du, aber warum beißt du mich nicht immer und immer wieder?

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Das Heer der Vergessenen

Nicht viel geschieht wirklich plötzlich, meistens kündigt es sich vorher schon ein wenig an, und wenn man genau hinschaut, dann kann einen nicht viel wirklich überraschen. Natürlich, wenn man nicht weiss, wohin man schaün muss, dann ist es schwierig. Und so kam auch das Heer der Vergessenen nicht wirklich urplötzlich, sondern monatelang schon hatten sie sich gesammelt, aber weil sie die vergessenen Menschen waren, hat keiner auf sie geachtet.

Aber für die nichtvergessenen, die angesehenen Menschen kamen sie wie aus heiterem Himmel. Und nicht nur sie; sie haben ein Strasse gebaut, eine Strasse die es nicht gibt, nicht geben kann, vielleicht auch nie gegeben hat: die Strasse der Hoffnung. Scheinbar über Nacht war die Strasse einfach da, und eine nie gesehene Strasse war es.

Ein seltsamer Anblick war es schon, das Heer der Vergessenen: voran die, die sogar sich selbst vergessen haben, sie haben sich an die Spitze gestellt, weil sie den Weg von selbst finden, warum weiss niemand, aber niemand kann sich auch an sie erinnern, nicht einmal sie selbst. Mit ihren festen Schritten ebneten sie die Wildnis für die Strasse der Hoffnung. Ihnen folgten die lebendigen Vergessenen, mit unverbrauchter Wut, mit verzweifelter Entschlossenheit rissen sie die Wurzeln des Vergessens aus dem Boden; den Abschluss bildeten die toten Vergessenen, mit ihrer überschwenglichen Freude pflanzten sie das neü Erinnern: die Strasse der Hoffnung wuchs.

Und weil sie alle vergessen waren und die meisten auch die Welt vergessen hatten, erkannten sie jetzt die Folgen ihrer Tat: Menschen.

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Selbst vergessen

Das Vergessen rauscht, oder auch nicht mehr, denn Aquarien oder Welträume zieren das Fenster zur Welt in Zeiten des Vergessens immer häufiger. Ich habe mich selbst vergessen, ich kann mich nicht mehr erinnern, was passiert ist, mit mir und den anderen. Manchmal glaube ich zu ahnen, was Erinnern ist, aber der blaue Schein des Fernsehers trügt mich oft und oft. Was weine ich, was träume ich, warum nichts passiert, frage und frage ich mich und doch ist die Frage nur Selbstschutz. Ist es nicht bequem, sich selbst vergessen zu haben? Keine Qualen gibt es als die Leere. Und sogar das Rauschen ist nicht mehr da.

Alles was sich nicht mehr dreht ist tot. Und ich drehe mich nicht einmal mehr um mich selbst. Ich brauche einen anziehenden Körper, der mich auf Bahnen wieder lenkt. Nur einen Biss, nur einen Biss.

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Die Welt ist aus Styrostupor

Man isst und isst und wird doch älter.
Man trinkt und trinkt und muss doch sterben.
Man rennt und rennt und doch geht die Sonne unter.
Man liest und liest und doch sprudeln die Quellen.
Man hört und hört und doch dreht sich die Sonne.
Man saugt und saugt und doch staubt es weiter.
Man frisst und frisst und ist schon längst gefressen.
Man staunt und staunt nicht mehr.

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