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Reste im Regen
Baum und Beere
Lange Zeit traute Johann sich nicht, vom Baum wieder herunter zu steigen. Es war zwar nicht bequem da oben, aber immerhin bot der Platz zwei Vorteile: Er hatte einen besseren Überblick und war sicher vor wilden Tieren. Nun sind aber keine wilden Tiere in Sicht und es wäre ungefährlich, hinunter zu steigen. Ungefährlich zumindest in der Hinsicht, dass keine Angriffe zu erwarten wären. Aber lohnt es sich, für eine kurze Zeitspanne relativer Sicherheit die Fähigkeit aufzugben, solche Gelegenheiten auch zukünftig erkennen zu können? Sicherlich wäre es möglich, kurz hinunter zu steigen, sie die Beine zu vertreten, vielleicht etwas brauchbares zu Essen zu finden und einzusammeln. Doch die Gefahr, hinunter zu steigen und nicht wieder hinauf zu kommen ist größer als die Gefahr, niemals den Sprung zu wagen vom spärlich begrünten Baum in der Wüste.
So ruckelt Johann ein wenig hin und her auf seinem Ast und verharrt. Und es wird Abend.
Wider Erwarten tagt es einige Stunden später. Johann, immer noch einziger Bewohner des einsamen Baumes, erwacht. Gar nicht mehr so behände, sondern ermattet routiniert klettert er zur Baumspitze. Nicht um der aufgehenden Sonne einen Gruß zu senden, sondern Ausschau haltend nach wilden Tieren. Es sind keine in Sichtweite. Ein Tatsache, die Johann mit einem Anflug von Erleichterung, der objektive Beobachter aber ohne Überraschung zur Kenntnis nimmt. Sodann klettert er zum untersten Ast und angelt sich mit einem abgebrochenen Zweig ein paar von den Brombeeren, die am Fuße seines Baumes wachsen. Nach jeder geangelten Beere richtet er sich auf, um sich zu vergewissern, ob nicht doch ein wildes Tier beschlossen hat, ihn zu vernichten.
Die halbe Welt
Wenn ich dich fragte, was bedeutet für dich Los Alamos oder der Tod eines Handlungsreisenden.
Dann könntest du antworten, würdest es aber nicht, denn nehmen wir einmal an: Gegeben sei die Welt und es existierten genau zwei Blick, der eine gelte Dir, der andere auch.
Und so wäre ich unsichtbar, obwohl die halbe Welt mir gehörte, aber das Gefühl, nicht da zu sein, lässt auch durch sinnlose Macht sich nicht verdrängen.
Kratzer
Nachts wurden Autos auf den Parkplätzen beschädigt. Bisher war es nicht möglich gewesen, den oder die Täter dingfest zu machen. Von keinem der Vorfälle gibt es Zeugen, die öffentliche Meinung über Täter und Motiv ist alles andere als einhellig. Es wurde notwendig, immer neue Sicherungsmaßnahmen zu ergreifen, ohne Erfolg. Tat für Tag waren wieder Autos beschädigt. Die öffentliche Aufregung ist auf dem Höhepunkt. Alles zerfällt.
Abgeknickt, einfach abgeknickt liegt eine Antenne auf dem Boden, an der rechten Wagenseite ein langer Kratzer. Ein kurzes Trappeln und alles ist vorbei. Die Entdeckung am nächsten Morgen ruft nicht nur beim Eigentümer Schrecken hervor und taucht als Zahl in der immer umfangreicher werdenden Autobeschädigungsstatistik auf. Seit Monaten verging keine Nacht, ohne dass ein Fahrzeug beschädigt wurde.
Und so bleiben auch die Lautsprecherdurchsagen in den Straßen ergebnislos, wie alle anderen vorher: Es gibt keine Zeugen. Einige der Lautsprecherwagen- verleihagenturen mussten schon wieder schließen, weil immer mehr Autobesitzer die Hoffnung auf Aufklärung aufgegeben haben.
Die Spekulationen über die Täter in den Zeitungen und Talkshows werden immer wilder. Sie reichen von unzufriedenen Jugendbanden über Autolackierer- vereinigungen bis hin zu Außerirdischen. Doch immer mehr greift ein Gefühl der Macht- und Ratlosigkeit um sich. Man beginnt sich zu fügen, nicht ohne ein tiefgreifendes Unbehagen zu behalten.
Regen
Im Regen vergeht so mancher Schmerz vielleicht schneller, denkt man. Aber dann wieder vermisste ich die Sehnsucht, einfach im Regen zu stehen und einfach nur nass zu werden und den Schmerz zu vergessen.
Und dann stehe ich einfach nur im Regen und werden einfach nur nass und der Schmerz vergeht nicht, denn das, worauf ich warte, passiert fast nie.
Es wäre schon ein Gewinn, den Schmerz nicht mehr zu spüren. Verschiedentlich war es auch schon besser, aber irgendwann wird auch der Regen zu Schmerz.
Reste im Regen
Katie erwacht. Von einem Windhauch angestoßen verflüchtigen sich ihre Träume und die Augen wollen sich öffnen. Nicht doch, denkt sie, schon wieder ein Tag im Regen. Und wirklich, die Steinmauern haben sich nicht bewegt, die Tropfen laufen an ihr herunter. Es regnet. Wenn denn sein muss, denkt sie und hebt ihre Augen gen Himmer - gar nicht flehen wollend, aber die Wolken ziehen grausam vorbei. Nun, Wind, trage mich hinfort. Eine Feder will ich sein, leicht, aber doch verloren, trage mich hinfort. Hier bleibt mir keine Zeit zum Schluchzen.
Aber wiederum passiert nichts unerwartetes, die Mauer bleibt stehen und der Wind hebt sie nicht hinweg. Das Gras, es bleibt doch Gras, grün und feucht. Und der Käfer, der dort krabbelt, ich auch nur ein Käfer. Ein mittelmäßiges Frühstück, denkt Katie, aber besser als gar keines immerhin. Was hält mich an diesen Mauern gefesselt? Ich gehe jetzt, bis ich den Horizont nicht mehr sehe und der Wind mich in die Luft erhebt. Sie dreht sich um und kniet sich vor die Mauern - hinter einem losen Stein ist ihr ganzes Hab und Gut versteckt.
Ein kleines Bündel, denkt sie, aber mehr ist es nicht und es besizt schon eine Feder. Ich sehe ein Bild vor mir, vollkommener als meine Träume: Ein grüner Hügel, ein Wald links, die Sonne rechts und dazwischen du. Durch die vielen Steinmauerreste stapft sie einige Stunden umher, zwingt sich, sich nicht umzublicken, nur nach vorne, geradeaus. Diesmal werde ich es schaffen, denkt sie, ich darf nur nicht zurückblicken. Und schon hat sie das alte Tor erreicht, einen Namen hat es nicht, doch zu oft schon stand sie hier, fest entschlossen hinauszugehen, als dass sie einfach hindurchgehen könnte. Ein letzter Gruß zurück, denkt Katie, wird doch erlaubt sein. Und ihr Schluchzen findet keinen Raum als den im Schatten ihrer Mauer. Sie rennt zurück.
Zittern
Warum ich zittere, vor Furcht & Freude zugleich, hüpfenden Herzens, verloren in den Wogen der Ungewissheit,
frage ich auch dich nicht, denn falls du es weißt, wird mein Zittern sinnlos.