Island-Tagebuch 2: Reykjavik – Zwei Gesichter einer Stadt

25. Juni

Verlief der Aufbau des Zeltes am gestrigen Abend trotz Winds noch recht problemlos, ist es heute Morgen äußerst ungemütlich. Strömender Regen, starker Wind, 3° und die bittere Erkenntnis, dass auch der beste Schlafsack Arme nur dann wärmen kann, wenn sie sich im Schlafsack befinden. Abgesehen davon war das Schlaferlebnis überraschend positiv und der gleichförmig trommelnde Regen bewegt mich, mich noch 2, 3 mal umzudrehen und mich erst um 9 Uhr aufzurappeln. Dann noch etwas zusätzliche Trödelei im Waschraum in der Hoffnung, das Zelt sei doch noch im Trockenen abzubauen, aber daraus wird nichts. Es regnet ruhig weiter. Immerhin: Der unschätzbare Vorteil eines Autos bei so einer Zelttour ist es, dass sich das Zelt im nassen Zustand einfach in den Kofferraum werfen lässt. Geht schnell und trocknet sogar halbwegs bis zum Abend.

Von Keflavík nach Reykjavík sind es nur 40 km – wenn man nicht wie ich eine unfreiwillige Stadtrundfahrt durch Hafnafjörður macht. Es ist leicht, das auf eine verwirrende Beschilderung zu schieben. Mir erscheint allerdings die Erklärung angemessener, dass ich unbewusst schon immer erkunden wollte, was sich hinter dem klingenden Namen Hafnafjörður verbirgt. Viel Unscheinbares, wie ich nun berichten kann. Mein außerordentlich zuverlässiger Reiseführer weiß auch fast nur Abstraktes zu berichten: Schon ein großer Hafen, als Reykjavík noch ein Nest war, der Sage nach Wohnort von Elfen, Feen usw. – Hab aber keine gesehen.

Dafür wieder eine dieser netten jungen Isländerinnen, diesmal an der Kasse des Bonus, laut Reiseführer die Supermarktkette, die von allen Touristen geliebt wird. Nun ja – falls ich je in Erwägung ziehen sollte, Supermarktketten zu Objekten meiner Liebe zu machen, werde ich den Bonus-Filialen mit den netten rosa Schweinchen auf knallgelbem Grund Gelegenheit bieten, sich einen guten Platz zu erkämpfen. Im Grunde unterscheidet sich der Bonus nicht von einem mittelgroßen Edeka. Letzterer verkauft jedoch keine rauen Mengen von „Fischflocken“ als Knabberartikel. Schade eigentlich.

Höfði
Reykjavík, Höfði: Reagan und Gorbatschow verhandelten hier über die nukleare Abrüstung.

Gegen 10 Uhr 30 komme ich dann doch in Reykjavík an, einer richtigen Großstadt mit mehrspurigen Straßen und imposanten modernen Bürogebäuden an der Uferpromenade. Irgendwo in der innersten Innenstadt suche ich mir den nächstbesten Parkplatz, nehme meine phantastische neue Hi-Tec-Atmungsktiv-Hält-Alles-Ab-Jacke und stapfe bei immer noch weniger als 5° durch ein triefend nasses Reykjavík. Sehr trostlos einerseits, aber dieser Stadt kann auch bei schlechtem Wetter ein gewisser rauer Charme nicht abgesprochen werden. Über allem thront das Wahrzeichen Reykjavíks, Hallgrímskirkja. Nicht gerade schön, sieht nach Beton aus, aber auch imposant.

Da ich getreu der Maxime eigenaktiver, explorativer Lernschritte keinen Stadtplan mitgenommen habe und auch sonst nicht so genau weiß, was ich in Reykjavík eigentlich sehen will, gerate ich nach zwei Stunden in etwas abseitige Gegenden. Ganz einfache Wohnsiedlungen. Ziemlich hässliche sogar. Mit Waschbetonplattenbauten, zwar nur zweistöckigen, aber das macht es nicht zwangsläufig besser. Hier jedoch, wie überall im Lande ist eine außerordentliche Sauberkeit zu bestaunen. Kein herumfliegender Müll, keine Zigarettenkippen (ich sehe hier ohnehin fast niemanden rauchen). Nur die Autos sind manchmal etwas angeschmuddelt.

Tjörn, Rathaus und Halgrims Kirche
Reykjavík: Rathaus, Tjörn und Hallgrímskirkja

Ein klein wenig frustriert und voll des schmerzlichen Bewusstseins, dass ich vergessen habe, die weichen Einlagen in die Wanderstiefel zu legen, tigere ich erstmal zurück zum Auto. Und so stehe ich gerade an den Ufern des Tjörn, jenes berühmten Sees inmitten von Reykjavík, an dessen anderem Ende schon das postmoderne Rathaus zu sehen ist, neben dem mein Auto wartet und an dessen Gestaden sich mehr als 40 Vogelarten heimisch fühlen, als plötzlich, unerwartet und die ganze Stadt verzaubernd, die Wolken aufreißen und die Sonne hervorkommt. Die Schuhe wechseln, kurz in den Stadtplan schauen und eine andere Runde drehen.

Reykjavik, Innenstadt
Reykjavík bei Sonne

Unfassbar diese Verwandlung: Aus der eben noch schwermütig grauen Stadt wurde mit einem Schlag eine fröhliche pittoreske Szenerie voller kleiner bunter Liebenswürdigkeiten. Also schaue ich mir all die Touristenhighlights (noch mal) an und plündere einen Buchladen, nehme haufenweise Souvenirs und schöne Bildbände mit. Ich werde aber wohl am vorletzten Tag noch mal nach Reykjavík fahren müssen, weil ich soviel vergessen habe. Sehr weise, noch 5kg Souvenir-Reserve ins Gepäck eingeplant zu haben.

Reykjavik, von See aus
Reykjavík, von See aus

Am Hafen fällt mir dann auf, dass in wenigen Minuten ein nettes kleines Bötchen zu einer netten kleinen Insel fährt, wo tausende netter kleiner Papageientaucher nisten und die Eigentümer des Bötchens sind gewillt, für ein nettes kleines Entgelt allerlei Touristenvolk mitzunehmen. Allerdings – ein schwerer Mangel der Unternehmung – hat man vergessen, eine junge hübsche blonde Isländerin abzustellen, um die Karten zu verkaufen oder das Boot zu lenken oder nette kleine Geschichten über die netten kleinen Papageientaucher zu erzählen. Das übernimmt ein smarter junger blonder netter Isländer – auch das mag seine touristischen Zwecke erfüllen. Die Fahrt jedenfalls ist Atem beraubend. Reykjavík von See aus, umgeben von hohen Bergen, in der Ferne sogar schneebedeckt – an einen solchen Anblick war heute morgen bei 200m Sicht kein bisschen zu denken. Wie versprochen dann auch tausende von Papageientauchern, deren Insel wir langsam treibend umrunden. Sehr putzige Tierchen! Der bunte Schnabel ist eigentlich zu groß für den Rest des Körpers, den Kopf vor allem. Und die Flügel schlagen viel zu schnell, was dem Tier in der Luft fast jegliche Eleganz nimmt. Faszinierend sind sie trotzdem. Die Rückfahrt zum Hafen wird etwas rauer, weil wieder Wind aufkommt, aber was bitteschön ist eine Bootsfahrt ohne Wind und Wellen?

Schnell ist es halb sieben, die Sonne steht noch hoch am Himmel, aber mein Zelt liegt noch im Kofferraum und will einen neuen Standort. Nach erstaunlich wenig Herumgekurve finde ich den Reykjavíker Campingplatz, vermutlich den bestausgestatteten im ganzen Lande. Die (wie nicht anders zu erwartende) nette junge blonde Isländerin an der Rezeption hat mir für 750 Kronen eine Bapperl verkauft und mich an eine der zentralen isländischen Verhaltensregeln erinnert: „You can’t have your car on the grass.“ Gras ist nämlich wertvoll und erodiert weg wie nichts, wenn erstmal Autos darüber gefahren sind. Flugs das Zelt aufgebaut, die Sonne scheint immer noch und neben dem Campingplatz liegt das große geothermisch beheizte Freibad. Mal schauen, ob abends um 7 noch geöffnet ist, denke ich mir. Badehose und Handtuch geschnappt und nix wie rüber. Eintritt ist günstig – kein Wunder, wenn die Heizenergie einfach so aus der Erde kommt – und die Öffnungszeiten großzügig: bis 22 Uhr 30.

So ein Freibad in Island lässt sich mit einem deutschen Freibad nur mit Gewalt vergleichen. Dient letzteres oft als Spaß- und Planschvergnügen für Halbstarke, Heranwachsende und junge Familien (von den üblichen Renter-„Passen Sie auf, wo Sie hinschwimmen!“-Zeiten abgesehen), ist ein isländisches Freibad ein Ort gesamtgesellschaftlicher Kommunikation und Kultur. Und das durchaus nicht ohne Eigenheiten. So befindet sich in der Männerumkleidehalle (Kabinen? Nix!) eine Waage, auf die jeder, indem er außerdem der mehrsprachig angeschlagenen und peinlich genau kontrollierten Vorschrift, vor dem Baden unbedingt nackt und mit Seife zu duschen, in besonders voraus- und herumeilendem Maße nachkommt, steigt, und eine recht laute Gemütsbekundung ausstößt. Mal zustimmend grunzend, mal grimmig grummelnd. Eben so, wie man das von Wikingern erwartet. Ich eifere ihnen  nach und bringe ein eher gemischt-neutrales Geräusch zu Stande.

Draußen ist die Luft doch empfindlich kühl geworden, was den Isländer als solchen aber nicht allzu sehr zu stören scheint. Zwar haben sich Cluster junger netter blonder Isländerinnen gebildet, aber da Tobi ohne Brille jegliche optische Differenzierungsfähigkeit verliert (möglich ist immerhin noch eine Unscheidung zwischen „Hindernis“ und „kein Hindernis“), schwimme ich einfach in dem schönen warmen Wasser einige Bahnen und entspanne dann vortrefflich in einem der „Hot Pots“ bei ca. 40° heißem Wasser.

Zurück im Zelt will ich eigentlich noch ein paar Postkarten schreiben, schlafe aber sofort ein und ratze 10 Stunden durch.

Reykjavik, Campingparkplatz
Reykjavík, Campingplatzparkplatz: Tobis Auto (links) und typisches Auto deutscher Touristen (rechts)

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